Hashimoto: Wenn die Schilddrüse eine Unterfunktion entwickelt
Dr. med. Sibylle Kohler
22. Juli 2025
10 min
Ständige Müdigkeit, unerklärliche Gewichtszunahme oder Haarausfall – hinter diesen Symptomen könnte eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) stecken, oft verursacht durch eine Hashimoto-Thyreoiditis. In der Schweiz ist etwa jede zehnte Frau im Laufe ihres Lebens davon betroffen.
Hashimoto verstehen: Was passiert in der Schilddrüse?
Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem die Schilddrüse angreift, als wäre sie ein Fremdkörper. Dadurch werden mit der Zeit allmählich Schilddrüsenzellen zerstört. Die Folge: Die Schilddrüse produziert immer weniger Hormone, was zu einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) führt.
Hashimoto verläuft oft über Jahre hinweg unbemerkt, da die Zerstörung der Schilddrüsenzellen durch die Antikörper langsam voranschreitet und jeder Mensch über eine grosse Reserve an Schilddrüsenzellen sowie über gespeicherte Schilddrüsenhormone verfügt. Eine Unterfunktion tritt daher, wenn überhaupt, erst nach vielen Jahren auf und kann sich durch verschiedene Beschwerden bemerkbar machen.
Benannt ist die Erkrankung nach dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto (1881 – 1934), der 1912 erstmals vier Fälle einer chronischen Entzündung der Schilddrüse beschrieb. Erst Jahrzehnte später wurde die Erkrankung nach ihm benannt und als eigenständige Autoimmunerkrankung erkannt, heute als Hashimoto-Thyreoiditis bekannt und die häufigste Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion in industrialisierten Ländern.
Die Schilddrüse
Steuerzentrale für Körper und Seele
Die Schilddrüse ist ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ am Hals. Ihre Wirkung ist gross: Sie steuert den Stoffwechsel, die Körpertemperatur, den Energiehaushalt, das Herz-Kreislauf-System und beeinflusst auch die Psyche.
Symptome: So erkennen Sie eine Schilddrüsenunterfunktion
Eine Schilddrüsenunterfunktion führt zu einer Verlangsamung des Stoffwechsels, wodurch verschiedene Beschwerden auftreten können. All diese Symptome können jedoch auch viele andere Ursachen haben und sind nicht spezifisch für eine Schilddrüsenunterfunktion:
- Ständige Müdigkeit und Erschöpfung, auch wenn Sie genug schlafen
- Gewichtszunahme, die sich nicht durch Ernährung oder Bewegung erklären lässt
- Kälteempfindlichkeit, selbst wenn es nicht kalt ist
- Haarausfall und trockene, brüchige Haut
- Verlangsamte Verdauung mit Verstopfung
- Konzentrationsschwierigkeiten oder Gedächtnisprobleme («Brain Fog»)
- Depressive Verstimmungen, Antriebslosigkeit oder Stimmungsschwankungen
- Muskel- und Gelenkschmerzen ohne klare Ursache
- Veränderungen im Menstruationszyklus, wie stärkere oder unregelmässige Blutungen
- Schwellungen am Hals, durch eine vergrösserte Schilddrüse, auch «Kropf» genannt
Sollten Sie an einem oder mehreren Symptomen leiden, kann eine Messung der Schilddrüsenhormone darüber Aufschluss geben, ob die Schilddrüse für Ihre Beschwerden die Ursache ist.
Eine Hashimoto-Erkrankung ist zwar nicht heilbar, eine Schilddrüsenunterfunktion jedoch gut behandelbar. Neben der ärztlichen Betreuung können Sie durch Veränderungen im Alltag viel dazu beitragen, sich körperlich und seelisch besser zu fühlen. Oft bewirken kleine Schritte mehr als radikale Umstellungen.
Von Symptomen zur Diagnose: Wie Hashimoto medizinisch erkannt wird
Bluttests helfen dabei, die Funktion der Schilddrüse zu überprüfen.
In der Abklärung der Schilddrüse wird als erstes und wichtigstes Hormon das «Thyreoidea-stimulierende Hormon» (TSH) gemessen. Dieses Hormon wird von der Hirnanhangsdrüse produziert und regt die Schilddrüse zur Hormonproduktion an. Meldet die Hirnanhangsdrüse eine Störung im TSH (bei von der Norm abweichenden Werten), können zur Abschätzung des Schweregrades anschliessend die freien Schilddrüsenhormone fT4 und fT3 gemessen werden. Autoantikörper gegen die Schilddrüse können bei der Feststellung einer Unterfunktion zur Bestätigung der Diagnose gemessen werden, «Anti-Thyreoperoxidase-Antikörper» (Anti-TPO) und/oder «Anti-Thyreoglobulin-Antikörper» (Anti-TG). Bei Frauen im gebärfähigen Alter mit suggestiven Symptomen und/oder Familienanamnese einer Schilddrüsenerkrankung sollte niederschwellig das TSH gemessen und bei Schilddrüsenunterfunktion eine Behandlung eingeleitet werden.
Neben einer Blutuntersuchung wird auch der Hals untersucht. Zeigt sich dabei eine vergrösserte oder knotige Schilddrüse, wird ein Ultraschall der Schilddrüse durchgeführt. Dieser gehört jedoch nicht zur Standarduntersuchung bei einer Schilddrüsenabklärung, sondern dient lediglich dazu, eine knotige oder auffällige Schilddrüse zu visualisieren und so auffällige und gegebenenfalls bösartige Knoten frühzeitig zu erkennen. Somit wird bei vielen Personen kein Ultraschall durchgeführt.
Findet sich im Schilddrüsenultraschall ein auffälliger Knoten, wird oft zusätzlich eine Feinnadelpunktion durchgeführt. Dabei werden mit einer dünnen Nadel einige Zellen aus der Schilddrüse entnommen und mikroskopisch untersucht, um bösartige Zellen auszuschliessen.
Ihre Gesundheit im Blick
Wann Sie zur Ärztin oder zum Arzt gehen sollten
Wenn Sie mehrere der genannten Symptome bei sich beobachten oder sich über längere Zeit nicht im Gleichgewicht fühlen, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Sollte eine Unterfunktion festgestellt werden, können Sie bei Bedarf in die endokrinologische Sprechstunde überwiesen werden.
Warum gerade Frauen so häufig betroffen sind
Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern – in diesem Fall sogar 8- bis 10-mal so häufig. Der Grund dafür liegt unter anderem in den weiblichen Hormonen, insbesondere dem Östrogen. Dieses Hormon beeinflusst das Immunsystem: Es kann die Abwehrkräfte in bestimmten Phasen zwar stärken, aber bei manchen Frauen auch zu einer überschiessenden Immunreaktion führen.
Besonders in hormonellen Umbruchphasen wie nach einer Geburt, während der Pubertät oder in den Wechseljahren kann es zu einer Erstmanifestation einer Schilddrüsenunterfunktion kommen. Das hormonelle Gleichgewicht gerät in diesen Zeiten eher aus der Balance, was sich auf die Immunregulation auswirken kann.
Auch genetische Veranlagung spielt eine Rolle: Wenn in Ihrer Familie bereits Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto, Typ-1-Diabetes oder Zöliakie vorkommen, kann Ihr persönliches Risiko erhöht sein.
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