Frühgeburt: Ursachen, Betreuung und der Weg nach Hause
Elisabeth Tscherry
7. Juli 2025
6 min
Kommt ein Baby zu früh zur Welt, beginnt für Eltern und Kind oft eine herausfordernde Zeit. In unserem Spital mit einer spezialisierten Klinik für Neonatologie begleiten wir Familien vom ersten Moment an – medizinisch, pflegerisch und emotional. In diesem Blogbeitrag erhalten Sie einen fundierten Überblick über das Thema Frühgeburt – verständlich, praxisnah und getragen von der Erfahrung unseres interdisziplinären Teams.
Gut zu wissen
Frühgeborene sind Neugeborene, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche (SSW) zur Welt kommen. Wir in der Klinik für Neonatologie des Spitals Zollikerberg versorgen Frühgeborene ab der 32. SSW direkt nach der Geburt. Ausserdem können wir auch Neugeborene versorgen, die in anderen Kliniken früher geboren wurden, sowie Kinder mit besonderem medizinischem Versorgungsbedarf.
Was ist eine Frühgeburt? Definition und Einordnung
Eine Schwangerschaft dauert in der Regel etwa 40 Wochen. Wird ein Baby vor Vollendung der 36. SSW geboren, also unter 37. SSW, sprechen wir medizinisch von einer Frühgeburt. Frühgeborene sind Kinder, die deutlich vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kommen und daher noch nicht vollständig entwickelt sind – insbesondere Lunge, Gehirn und Immunsystem sind häufig noch unreif.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterteilt Frühgeburten wie folgt:
Je früher ein Kind geboren wird, desto höher ist das Risiko für gesundheitliche Komplikationen wie Atemprobleme, Infektionen oder Entwicklungsverzögerungen, um nur einige zu nennen. Mit zunehmender Schwangerschaftswoche (SSW) verbessern sich hingegen die Überlebenschancen sowie die langfristigen Entwicklungsperspektiven deutlich. Eine Frühgeburt bedeutet daher nicht zwangsläufig eine schlechte Prognose – insbesondere nicht, wenn das Kind frühzeitig und individuell medizinisch betreut wird.
Dank moderner Neonatologie können heute auch sehr kleine Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1’500 Gramm erfolgreich versorgt werden. Die Betreuung erfolgt interdisziplinär durch spezialisierte Ärzt:innen, Pflegefachpersonen und Therapeut:innen – stets in enger Zusammenarbeit mit den Eltern. Dabei spielt auch die kontinuierliche Einbindung der Eltern eine entscheidende Rolle für den Beziehungsaufbau zwischen Eltern und Kind, sowie für die kindliche Entwicklung.
Wie häufig sind Frühgeburten in der Schweiz und wie stehen die Überlebenschancen?
Etwa sechs bis acht Prozent aller Geburten in der Schweiz sind Frühgeburten – das entspricht mehreren Tausend Neugeborenen pro Jahr. Dank der hochentwickelten medizinischen Versorgung und Spezialisierung im Bereich der Neonatologie haben sich die Überlebensraten in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Bereits ab der 24. bis 25. SSW besteht heute bei entsprechender intensivmedizinischer Betreuung eine gute Überlebenschance. Trotzdem bleibt die Entwicklung eines Frühgeborenen individuell. Faktoren wie die Schwangerschaft, das Geburtsgewicht, das kindliche Geschlecht, mögliche Komplikationen im Verlauf und die Nachsorge spielen eine zentrale Rolle. Tabellen zur Überlebenswahrscheinlichkeit können Eltern eine erste Orientierung bieten, ersetzen aber nicht die individuelle ärztliche Einschätzung und Begleitung.
In spezialisierten Zentren wie unserer Klinik für Neonatologie wird jedes Frühgeborene nach modernsten Standards betreut – mit dem Ziel, den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen.
Wann kann ein Baby zu früh kommen? Mögliche Ursachen für eine Frühgeburt
Frühgeburten können viele Ursachen haben. Zu den häufigsten medizinisch bekannten Risikofaktoren zählen:
- Mehrlingsschwangerschaften
- Infektionen wie Harnwegsinfekte, Fruchtblasenentzündung, Scheideninfektion, Zahnfleischentzündung oder eine Entzündung der Eihäute (Amnionitis)
- Vorerkrankungen der Mutter, zum Beispiel Diabetes mellitus, chronischer Bluthochdruck oder Schilddrüsenerkrankungen
- Fehlbildungen oder Wachstumsstörungen des Kindes
- Anatomische Auffälligkeiten der Gebärmutter oder Plazentastörungen wie Plazenta praevia
- Psychosoziale Belastungen, Stress, Rauchen, Drogenkonsum usw.
- Medizinische Vorgeschichte der Mutter wie frühere Frühgeburten, künstliche Befruchtung oder Operationen an der Gebärmutter
Wichtig: Frühwarnzeichen wie ziehende Schmerzen im Unterbauch, Rückenschmerzen, Blutungen oder vorzeitiger Blasensprung sollten immer medizinisch abgeklärt werden. Im Zweifel: lieber einmal zu viel zur Kontrolle gehen.
Entwicklung und besondere Pflege von Frühgeborenen
Frühgeborene benötigen eine spezialisierte und individuell auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Betreuung. In unserer Neonatologie sind rund um die Uhr Kinderärzt:innen mit Fachausbildung für Neugeborene sogenannte Neonatolog:innen verfügbar. Zudem setzt sich unser interdisziplinäres Team aus spezialisierte Pflegefachpersonen sowie Physiotherapeut:innen zusammen, um jedes Kind bestmöglich zu unterstützen.
Zentrale Ziele unserer Frühgeborenenpflege sind:
- Individuelle Pflege: Wir fördern die möglichst frühe enge Bindung der Eltern durch die Känguru-Methode (Haut-zu-Haut-Kontakt), gewährleisten Stillhilfe und Unterstützung bei der eigenständigen Versorgung des Kindes. Diese Massnahme stärkt die Eltern-Kind-Bindung im Sinn der familienzentrierten Pflege und fördert die Entwicklung des Babys.
- Bezugspflege: Kontinuität der zugeordneten Ärzt:innen und Pflegenden schafft Vertrauen und Sicherheit für das Kind und die Familie
- Stabilisierung der Körpertemperatur: Einige Frühgeborene können ihre Körpertemperatur noch nicht selbst regulieren. Durch spezielle Wärmebetten oder Inkubatoren wird eine optimale Temperatur gehalten, um Energieverbrauch zu minimieren.
- Ernährung: Muttermilch ist die bevorzugte Nahrungsquelle, da sie wichtige Immunstoffe enthält. Oft wird sie ergänzend über eine Magensonde verabreicht, bis das Kind selbst sicher trinken kann. Bei Bedarf unterstützen wir auch mit parenteraler (intravenöser) Ernährung.
- Förderung physiologischer Bewegung und Haltung: Durch gezielte Lagerungstechniken und kinästhetische Prinzipien wird die motorische Entwicklung gefördert und muskuläre Fehlhaltungen vorgebeugt.
- Musiktherapie: mit sanften Klängen zur Ruhe finden und die Bindung zwischen Eltern und Kind stärken
- Schmerzmanagement
Eltern-Kind-Beziehung und Bonding
Die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind beginnt nicht erst zu Hause – sie entsteht bereits in den ersten Lebenstagen, auch auf der Neonatologie. Besonders bei Frühgeborenen ist dieser Kontakt von grosser Bedeutung: Studien zeigen, dass vertraute Stimmen, Körpernähe und gemeinsame Rituale das Stressniveau des Kindes senken, die neurologische Entwicklung unterstützen und die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig stärken.
In unserer Neonatologie schaffen wir dafür die bestmöglichen Voraussetzungen. Dank der räumlichen Nähe von Gebärabteilung und Neonatologie-Station können Mütter ihr Kind direkt nach der Geburt im Bett besuchen. Tür an Tür gelegen, ermöglicht dieser direkte Zugang eine frühe Nähe – ohne Hürden.
So fördern wir – sofern der Gesundheitszustand des Kindes es zulässt – den Hautkontakt zwischen Ihnen und Ihrem Baby bereits unmittelbar nach der Geburt durch die bewährte Känguru-Methode. Dabei liegt Ihr Kind auf Ihrer nackten Brust oder auf der Brust des Vaters. Diese intensive Nähe unterstützt positiv die Atmung, die Temperaturregulation sowie das Bindungsverhalten und gibt Ihnen als Eltern von Anfang an das Vertrauen, Ihr Kind aktiv zu begleiten.
Auch im Pflegealltag binden wir Sie schrittweise ein: Windeln wechseln, füttern, halten – mit Unterstützung unseres Teams übernehmen Sie zunehmend Aufgaben. So entsteht Schritt für Schritt eine vertrauensvolle Beziehung, die das Selbstvertrauen der Eltern stärkt und dem Kind Orientierung gibt – auch in einer medizinisch geprägten Umgebung und für die Zeit zu Hause.
Für unsere Frühchen und ihre Familien sind wir jederzeit gerne da!
Eine Frühgeburt stellt Familien vor grosse Herausforderungen – doch sie ist zugleich auch der Beginn einer starken gemeinsamen Reise. Dank moderner Medizin, spezialisierter Pflege und einfühlsamer Begleitung können Frühgeborene heute bestmöglich versorgt und individuell gefördert werden. Mit viel Nähe, Geduld und fachkundiger Unterstützung entwickeln sich viele dieser kleinen Kämpferinnen und Kämpfer sehr positiv – oft über alle Erwartungen hinaus. Wir stehen Ihnen dabei von Anfang an zur Seite: kompetent, interdisziplinär und rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr.
Elisabeth Tscherry
Pflegeexpertin Neonatologie (Schwerpunkt familienzentrierte Pflege), Klinik für Neonatologie
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