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Ratgeber

Darmkrebsvorsorge: Das Wichtigste in Kürze

PD Dr. med. Matthias Sauter

PD Dr. med. Matthias Sauter

24. März 2023

lesezeit

12 min

Nicht selten bleiben erste Anzeichen von Darmkrebs unbemerkt. Umso wichtiger sind Vorsorgeuntersuchungen. Im Interview erklärt Dr. med. Matthias Sauter wie Sie vorbeugen können und welche Untersuchungen Sie nicht versäumen sollten.

Der März ist der Aktionsmonat für die Prävention von Darmkrebs. Herr Sauter, Sie sind Facharzt für Gastroenterologie, warum gibt es einen «Darmkrebsmonat»?

Dickdarmkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten in der Schweiz – die zweithäufigste Krebsart bei Frauen, die dritthäufigste bei Männern und generell die häufigste bei Nichtrauchern. Das Risiko, einmal im Leben an Darmkrebs zu erkranken, beträgt 6 Prozent bei Männern und knapp 4 Prozent bei Frauen. Auch bei jungen Menschen, beispielweise bei den unter 50-Jährigen, ist es in den letzten Jahren zu einer Krebszunahme gekommen.

Da sich viele Menschen in der Schweiz der Häufigkeit, aber auch der Vermeidbarkeit dieser Erkrankung nicht bewusst sind, ist der Aktionsmonat März, den es meines Wissens seit 2002 gibt, sehr wichtig.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Krebsarten gibt es für Darmkrebs effiziente Früherkennungsuntersuchungen wie den Stuhltest und die Dickdarmspiegelung, mit denen der Krebs in einem früheren Stadium entdeckt werden und damit besser behandelt werden kann. Oft können auch gutartige Krebs-Vorstufen, sogenannte Dickdarm-Polypen, gefunden und entfernt werden, was dann im optimalen Fall den Krebs verhindern kann.

Ihre Antwort verdeutlicht, wie wichtig präventive Untersuchungen sind. Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten für die Früherkennung von Darmkrebs? Und: Gibt es die «optimale» Untersuchung?

Eine optimale Vorsorgeuntersuchung sollte theoretisch überall verfügbar, einfach durchführbar und kostengünstig sein, sowie ohne Komplikationen verlaufen. Ausserdem sollte die Vorsorge zuverlässig und treffsicher sein; das bedeutet, dass möglichst keine Karzinome verpasst werden und keine Fehldiagnosen entstehen.

Die Vorsorgeuntersuchungen, die beim Dickdarmkrebs zur Verfügung stehen, sind zwar lange nicht perfekt, aber viel besser als bei den meisten anderen Krebsarten. Es stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Einerseits der Stuhltest, bei dem nach kleinen Mengen Blut im Stuhl gesucht wird, und andererseits die Dickdarmspiegelung (Koloskopie). Beide Methoden werden von der Krankenkasse übernommen.

Können Sie uns etwas genauer erklären, wie der Stuhltest und die Dickdarmspiegelung (Koloskopie) durchgeführt werden?

Beim Stuhltest wird eine kleine Menge Stuhl in einem Röhrchen gesammelt. Dafür gibt es Utensilien, mit denen das ganz einfach zu Hause gemacht werden kann. Das Röhrchen wird dann per Post ins Labor eingesendet, gewisse Testarten kann man auch selber zu Hause auswerten. Wenn der Test unauffällig ausfällt, wird er alle 2 Jahre wiederholt. Ist er positiv, wird eine Dickdarmspiegelung (Koloskopie) durchgeführt. Hierbei ist anzumerken, dass nicht alle Menschen mit positivem Test einen Krebs haben. Auch Blut aus anderen Ursachen, wie zum Beispiel Hämorrhoiden, kann den Test positiv werden lassen.

Bei der Darmspiegelung wird nach einer Darmvorbereitung – einem bereits Zuhause eingenommenen Abführmittel – und der Verabreichung eines Schlafmittels der Dickdarm mit einem flexiblen Endoskop über den After untersucht. Dabei wird sowohl nach Tumoren als auch nach den oben erwähnten Vorstufen, den Polypen, gesucht.

Lassen Sie uns an dieser Stelle kurz auf die Darmspiegelung eingehen – von der man als Laie zwar viel hört, aber dann doch nicht so viel weiss. Ist die Koloskopie schmerzhaft? Was können Patient:innen konkret erwarten?

Die Untersuchung ist nicht schmerzhaft, da sie in den allermeisten Fällen mit einem Schlafmittel durchgeführt wird. Vor der Untersuchung halten die Patient:innen drei Tage lang eine Diät ein, bei der sie auf Körner, Schalen und Hülsen verzichten. Am Vortag und am Untersuchungstag nehmen sie ein Abführmittel ein, um den Dickdarm zu reinigen. Dieses schmeckt nicht sehr angenehm, kann aber auch mit einem Tee oder Ähnlichem eingenommen werden.

Vor der Untersuchung wird eine Infusion für das Schlafmittel in eine Armvene gelegt. Puls, Blutdruck und Sauerstoffsättigung werden überwacht. Dann setzt das Schlafmittel ein. Die Ärztin oder der Arzt führt ein flexibles Endoskop mit einer Lichtquelle und einer Kamera in den After ein und sucht den Darm gründlich nach Auffälligkeiten ab. Dabei ist es sehr wichtig, sich erstens genug Zeit zu lassen und zweitens, dass der Darm sehr gründlich gereinigt ist, um nichts zu übersehen. Nach der Untersuchung sind die Patient:innen noch etwas müde, können aber in der Regel direkt etwas essen und trinken und nach einer kurzen Überwachung nach Hause gehen.

Aufgrund des Schlafmittels dürfen die Patient:innen an diesem Tag nicht Auto fahren; sie sollten zum Termin gebracht und abgeholt werden. Wenn eine relevante andere «internistische» Erkrankung bekannt ist oder Blutverdünner eingenommen werden, ist es wichtig, die oder den Untersucher:in im Voraus darüber zu informieren.

Stuhltest oder Darmspiegelung – sollte eine dieser beiden Vorsorgeuntersuchungen bevorzugt durchgeführt werden? Wenn ja, welche?

Beide Methoden haben ihre Vor- und Nachteile. In Studien wird weiterhin untersucht, welche Methode insgesamt «besser» ist, was natürlich auch davon abhängt, wie viele Personen auch wirklich eine Vorsorge durchführen.

Der Stuhltest ist viel einfacher und schneller; er erfordert praktisch keine Vorbereitung. Der Nachteil ist die geringere Sensitivität (also eine geringere Aussagekraft) der einzelnen Untersuchung gegenüber der Dickdarmspiegelung. Zudem muss er alle zwei Jahre wiederholt werden, um eine gute Sicherheit zu bieten (das geht in der Realität dann oft vergessen).

Die Dickdarmspiegelung hat den Vorteil, dass auch die Krebsvorstufen gesucht und entfernt werden können und somit im besten Fall der Darmkrebs sogar vermieden werden kann. Die Spiegelung muss in der Regel alle zehn Jahre wiederholt werden. Sie ist aber viel aufwändiger und hat ein, wenn auch sehr geringes, Risiko einer Komplikation, beispielsweise eine Verletzung des Darms.

Eine weitere Alternative ist die «Sigmoidoskopie», bei der nur die untersten 30 cm des Dickdarms gespiegelt werden. Hierfür ist nicht die ganze Abführprozedur notwendig, sondern es wird vor der Untersuchung ein Einlauf appliziert. Dafür können auch nur Tumoren / Vorstufen in diesem Bereich gefunden werden, weiter oben liegende Tumoren werden verpasst.

Meiner Meinung nach ist diejenige Vorsorge die beste, die dann auch wirklich durchgeführt wird. Das ist auch die Meinung vieler meiner Kolleg:innen. Die Koloskopie entdeckt zwar mehr Karzinome und auch Vorstufen, das nützt aber nichts, wenn sie niemand durchführen lässt.

In vielen Kantone der Schweiz gibt es Vorsorgeprogramme, bei denen Menschen ab einem bestimmten Alter automatisch zu der einen oder anderen Untersuchung aufgefordert werden. Im Kanton Zürich ist dies jedoch nicht der Fall.

Schade, dass es das in Zürich nicht gibt. Man neigt oft zu der Annahme, dass der Lebensstil bei der Prävention von Darmkrebs eine wichtige Rolle spielt… Ist der Lebensstil wirklich wichtig? Was sind denn die anderen Risikofaktoren?

Ja, der Lebensstil spielt sicher eine Rolle. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem die familiäre Veranlagung, das Rauchen, das Übergewicht und die Ernährung. Was die Ernährung betrifft, so erhöht rotes Fleisch das Darmkrebs-Risiko; eine ballaststoffreiche Ernährung reduziert das Risiko. Aber auch eine vegane Kost kann nicht vollständig vor der Erkrankung schützen.

Räumen Sie für uns zum Schluss noch mit einem Darmkrebs-Mythos auf: Können Verdauungsprobleme und andere Darmerkrankungen krebsfördernd sein?

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen, wie zum Beispiel der sogenannte «Morbus Crohn» und die «Colitis ulcerosa», sind Risikofaktoren für einen Dickdarmkrebs, sodass bei diesen Patient:innen eine regelmässige Vorsorge durchgeführt wird.

Viele andere Darmerkrankungen wie die Verstopfung, der Reizdarm oder die Divertikelkrankheit sind keine Risikofaktoren für einen Darmkrebs.

Portraitfoto von PD Dr. med. Matthias Sauter

PD Dr. med. Matthias Sauter

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