Wirbelsäulenversteifung bei Verschleiss
Der Verschleiss der Wirbelsäule, auch Spondylose genannt, bezeichnet altersbedingte Veränderungen der Wirbelsäule. Sie betrifft vor allem die Bandscheiben, die Wirbelkörper und die kleinen Gelenke zwischen den Wirbeln. Mit zunehmendem Alter sind diese Veränderungen nahezu bei jedem Menschen nachweisbar – oft auch ohne Beschwerden.
Degenerative Veränderungen der Wirbelsäule
Die Wirbelsäule ist ein komplexes System aus Knochen, Bandscheiben, Gelenken und Bändern. Ihre Aufgabe ist es, Stabilität zu gewährleisten und gleichzeitig Beweglichkeit zu ermöglichen. Im Laufe der Jahre kommt es zu einem natürlichen Verschleissprozess, der mehrere Strukturen betrifft:
- Bandscheiben verlieren Flüssigkeit: Die Bandscheiben wirken wie Stossdämpfer. Mit dem Alter trocknen sie aus und werden flacher. Dadurch verlieren sie an Elastizität.
- Erhöhte Belastung der Wirbelgelenke: Wenn die Bandscheiben dünner werden, verteilt sich die Belastung schlechter. Die kleinen Gelenke zwischen den Wirbeln werden stärker beansprucht.
- Knochen reagiert mit Umbauprozessen: Der Körper versucht, die Stabilität zu verbessern. Dabei entstehen kleine knöcherne Ausziehungen, sogenannte Osteophyten («Knochensporne»).
Hier ist eine wichtige Unterscheidung: Spondylose ist zunächst ein natürlicher Alterungsprozess – keine Krankheit im klassischen Sinne. Viele Menschen haben radiologisch sichtbare Veränderungen, ohne jemals Beschwerden zu entwickeln. Probleme entstehen erst dann, wenn:
- Nerven gereizt oder eingeengt werden
- entzündliche Prozesse Schmerzen verursachen
- die Beweglichkeit deutlich eingeschränkt ist
Häufig kann man bei einem Verschleiss an der Wirbelsäule auch ein Wirbelgleiten (Spondylolisthesis) nachweisen. In diesem Fall verschieben sich benachbarte Wirbel nach vorne (oder nach hinten = Retrolisthesis) gegeneinander. Je nach Stärke und Dauer des Wirbelgleitens können einzelne oder mehrere Nerven im Spinalkanal eingeklemmt werden, was zu Nervenschäden und Funktionsausfällen führen kann. Gleichzeitig führt das Wirbelgleiten zu einer starken Abnutzung der Bandscheiben und Wirbelgelenke im betroffenen Segment, was starke Schmerzen verursacht.
Eine Spondylolisthese ist entweder angeboren und führt während des Wachstums zu Fehlbildungen oder sie ist die Folge einer altersbedingten starken Verschleisserscheinung (Degeneration) der Wirbelsäule. Auch eine Überbeanspruchung der Wirbelsäule im Leistungssport kann ein Wirbelgleiten auslösen. Schwere Verletzungen der Wirbelsäule können die Stabilität ebenfalls stark beeinträchtigen und die Wirbel ins Rutschen bringen.
Die Patientinnen und Patienten klagen zu Beginn über Rückenschmerzen, die von leichtem Ziehen bis zu tiefsitzenden, stechenden Schmerzen reichen können. Sie treten nicht nur bei Belastungen der Wirbelsäule auf, sondern auch nach dem Aufstehen, wenn die Rückenmuskulatur entspannt ist. Wiederkehrende akute Rückenschmerzen (Lumbago, Hexenschuss) können erste Zeichen eines Verschleisses an der Wirbelsäule sein. Im weiteren Verlauf treten dann vermehrt Beinschmerzen (Ischiasschmerz) beim Gehen auf, so dass die Gehstrecken immer kürzer werden (Caudicatio spinalis = Schaufensterkrankheit). Beinschmerzen bei älteren Patientinnen und Patienten sind ebenfalls oft auf ein Wirbelgleiten mit Einengung des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose) zurückzuführen.
In sehr ausgeprägten Fällen können sogar Lähmungen auftreten, die auch die Funktion von Blase und Mastdarm beeinträchtigen (Cauda-equina-Syndrom).
Ob eine Operation wirklich erforderlich ist und welches Verfahren angewendet wird, hängt vom Beschwerdebild ab. Bei leichtem Gleiten mit wenig Beschwerden helfen oft Bewegungsübungen, Chiropraktik oder gezielte Infiltrationen (Spritzen) mit einem Cortisondepot in den Wirbelkanal (Sakralblock, Epiduralinfiltration). Grundsätzlich sollten jedoch alle Bewegungen mit starker Rückwärtskrümmung (Extension) vermieden werden.
Bei einer ausgeprägten Verschiebung der Wirbel müssen die Wirbelkörper versteift (spondylodesiert) werden. Dabei werden zwei Operationsverfahren unterschieden: Bei einer sogenannten offenen Spondylodese wird die Wirbelsäule freigelegt und der Wirbelkanal geöffnet, die eingeengten Nerven von verdickten Gelenkskapseln und Knochenwucherungen befreit und die betroffenen Wirbel mit Schrauben und Längsstäben miteinander verbunden. Die Bandscheiben werden gleichzeitig durch Platzhalter aus Titan ersetzt, um die Stabilität der Versteifung zu erhöhen und das knöcherne Zusammenwachsen der Wirbelkörper zu verbessern. Bei einer geschlossenen Spondylodese muss die Wirbelsäule nicht freigelegt werden, da die Schrauben und Längsstäbe durch kleine Schnitte über den betroffenen Wirbelkörpern durch die Haut (percutane Spondylodese) eingebracht werden. Durch einen weiteren Schnitt wird danach der Wirbelkanal geöffnet, die Nerven entlastet und die Bandscheibe durch Platzhalter ersetzt. Im Vergleich zur offenen Spondylodese sind der Blutverlust, der Muskelschaden, der durch den offenen Zugang entsteht, und die postoperativen Schmerzen deutlich geringer. Die Patientinnen und Patienten erholen sich bei diesem Eingriff rascher.
Patientinnen und Patienten mit einer Spondylodese bleiben circa eine Woche hospitalisiert. Bereits am ersten Tag nach dem Eingriff können sie aufstehen und mit leichten Bewegungsübungen beginnen.
In der Mehrheit der Fälle wird mit einer Spondylodese ein gutes bis sehr gutes Ergebnis erreicht. Die Patientinnen und Patienten haben deutlich weniger Schmerzen und können sich deshalb wieder besser bewegen, was die Lebensqualität deutlich steigert. Die Versteifung von Wirbelkörpern bedeutet also nicht zwingend eine eingeschränkte Beweglichkeit der Wirbelsäule. Selten kann eine Nachblutung, Wundheilungsstörung oder Lockerung einer Schraube einen erneuten Eingriff erforderlich machen. Komplikationen wie Lähmungen oder Infektionen sind ebenfalls sehr selten. Allerdings kann eine fortschreitende degenerative Veränderung der Wirbelsäule zur Versteifung weiterer Wirbel führen.
Die Frage beschäftigt viele Patientinnen und Patienten vor einer Operation: «Werde ich danach noch beweglich sein?»
Die Wirbelsäule wird nicht «starr wie ein Brett», sondern lediglich weniger flexibel in bestimmten Richtungen. Je mehr Segmente versteift werden, desto grösser ist die Einschränkung. Gleichzeitig bleibt ein erheblicher Teil der Bewegung erhalten, da andere Wirbelsäulenabschnitte kompensieren und die Hüfte sowie das Becken eine wichtige Rolle übernehmen.
Hier gibt es eine gute Nachricht: Die meisten Alltagsaktivitäten bleiben möglich – und oft sogar besser als vorher, weil die Schmerzen reduziert sind. Autofahren sowie Sportarten wie Schwimmen, Radfahren und Wandern sind grundsätzlich möglich. Je nach Umfang der Operation und körperlicher Belastung sind die meisten beruflichen Tätigkeiten, Hobbys und Sportarten in der Regel wieder möglich.
Klinik für Wirbelsäulenchirurgie
Trichtenhauserstrasse 20
8125 Zollikerberg


